wenn das Mann-sein zur Qual wird (Teil 2)
Sie hat sich plötzlich so verändert!

 
(Zum besseren Verständnis ist es sinnvoll den 1.Teil dieses Artikels gelesen zu haben)

Der Artikel "wenn das Mannsein zur Qual wird" in der vorletzten Ausgabe hat eine unerwartet große Resonanz ausgelöst. Hauptsächlich wurde ich dabei auf die therapeutischen Aspekte bei solchen Männerproblemen angesprochen.
Darum werde ich hier detailliert noch einmal darauf eingehen.



Kein Klient aus diesem Problemkreis kam bisher in meine Praxis, wenn nicht einer der folgenden Anstöße dahinter stand:


· Die aktuelle Beziehung ist akut von einer Trennung bedroht.
· Eine vollzogene Trennung kann nicht verkraftet werden.


Besonders in diesen Fällen ist es wichtig auf die Zusammenhänge mit einer narzisstischen Problematik zu achten.
Dazu aber erst noch etwas Grundsätzliches: Bei vielen Zuschriften konnte ich eine etwas verschobene Vorstellung von dem Begriff "Narzissmus" erkennen. Er wurde oft sehr oberflächlich mit "egoistischer Selbstliebe" übersetzt und so entstand ein sehr verzerrtes Bild von dem Artikel.

Ganz im Gegensatz zu dieser populären Interpretation finden wir bei Menschen mit einem narzisstischen Problem eher einen Hang zur Selbstaufgabe, einem "alles für die Anderen tun wollen", das Gefühl "alles zu geben und wenig zurückbekommen" und auch echtes soziales Engagement.

Die Grundlage der narzisstischen Störung ist ein labiles Selbstwertgefühl, das oft sehr gut versteckt ist und über soziale und berufliche Erfolge kompensiert wird. Erst wenn diese Kompensation nicht mehr funktioniert, erst wenn ein scheinbares, gravierendes Ver­sagen, das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit ins Bewusstsein bringt, kommt dieser Klient zu uns.
Typisch sind ein Hang zum Perfektionismus und eine starke Beschäftigung mit dem eigenen Wert, mit Erfolg, Macht, Besitz und idealen Partnern. Gefühle wie Traurigkeit, Sehnsucht und Bedauern sind kaum wahrzunehmen. Lebens­­freude wurde bestenfalls ganz kurz­fristig erlebt.
Ein tiefes, oft bis ins Bewusstsein reichendes Gefühl von Einsamkeit, macht die Furcht vor dem Verlassenwerden (bzw. dem Verlassen­sein) abgrundtief und elementar. Wut und Hassgefühle, Rachewünsche und Kontroll­zwänge sind die Folgen dieser Angst. Die Minderwertigkeits- und Unterlegenheits­gefühle bestehen oft neben Omnipotenz­gefühlen und Größenphantasien.


Die Grundprämisse

Die narzisstische Wunde entsteht in der Kindheit durch seelische Vernachlässigung und/oder einen massiven Symbioseanspruch der Mutter bzw. des Vaters.
Beides verlangt von dem Kind eine übergroße An­passungs­leistung an seine Bezugspersonen. Für das Kind ist nur noch wichtig, so zu sein wie es erwartet wird, denn nur so erreicht es Aufmerksamkeit und Anerkennung. Damit entsteht ein falsches Selbst, das "eigentlich mögliche" Selbst geht dabei verloren.

Die erbrachte Anpassung ist auch eine Selbsterniedrigung, weil man nicht so sein darf wie man ist. Es kann kein Gefühl des eigenen Wertes entstehen, echte Selbstachtung ist nicht möglich.
Die Anpassungsbereitschaft bleibt im Erwachsenen erhalten, aus Angst vor Liebes­verlust verleugnet er auch weiterhin seine eigenen, wirklichen Bedürfnisse.

Als Kind perfekt funktionieren zu müssen erzeugt ein extrem beherrschendes Über-Ich. So findet sich auch im Erwachsenen das Gefühl, dass nur Perfektionismus vor Verlust schützt und Sicherheit gibt. "Jeder Fehler kann in die Katastrophe führen". Das Gefühl, sich für die gewünschte Zuneigung verstellen bzw. etwas leisten zu müssen, bleibt für das Leben bestimmend. Die in der Erziehung nicht erlaubten Gefühle werden abgespalten und so vollständig unterdrückt, dass sie nicht mehr wahr­genommen werden können.


Der Klient:

Ausgehend von meinen letzten Artikel und weil es in meiner Praxis die wesentlich häufigere Situation ist, gehe ich hier von einem männlichen Klienten aus.

In der Regel schildert der Klient eine, bis vor einiger Zeit, gut funktionierende Ehe.
Die fast immer überdurchschnittliche materielle Sicherheit wird erkauft durch ein großes berufliches Engagement und den damit verbundenen Opfern.
Die Partnerin war einmal die Idealfrau, aber seit einiger Zeit macht sie einen unerklärlichen Wandel durch. Sie zeigt jetzt rücksichtlose, völlig egoistische Verhaltens­weisen. Selbst auf die Kinder nimmt sie nicht die gebotene Rücksicht. Dieser Wandel seiner Partnerin ist für Ihn völlig unverständlich.
Er selbst beteuert, in seinen Bemühungen um Frau und Kinder nicht nachgelassen zu haben. Sie aber spricht über Trennung oder Scheidung und das oft gesuchte, klärende Gespräch ist nicht möglich, bzw. völlig fruchtlos. Er sei sich durchaus auch seiner Schwächen bewusst, bemühe sich aber sehr sie zu beherrschen.

Im Laufe der Gespräche wird oft eine starke, unterdrückte Aggressivität eingeräumt. Eine Wut auf seine Partnerin, die seine Bemühungen nicht anerkennt. Einfach unerklärlich ist, wie sie denn einfach alles hinschmeißen kann.
Oft wird in den Gesprächen auch deutlich, dass er bestimmte Verhalten, Reaktionen und Gefühle an sich selbst durchaus unakzeptabel findet und nicht weiß warum er sich immer wieder so verhält.

Die Erwartung an die Therapie ist, zu der Stärke und Selbstsicherheit zu finden, mit der die Situation wieder in den Griff zu bekommen ist.
Denn die Selbstzweifel sind groß, die Frage "was ist an mir falsch" schmerzt. Wenn er es auch nicht so formuliert, aber durch die Therapie wünscht er sich noch perfekter zu werden, seine "Schwächen" auszumerzen, um so seine Partnerin zurück zu gewinnen.


Spezielle Tücken:

Aus dem obigen wird deutlich, dass der größte Fehler in der Therapie wäre, diesem Wunsch nach mehr Perfektion nachzugeben und ihm lediglich Verhaltensweisen an die Hand zu geben, die ihn für die Partnerin wieder attraktiver machen sollen.
Selbst wenn das funktionieren würde, langfristig könnte das die Beziehung nicht retten und es wäre die, vielleicht einmalige, Change vertan, etwas an der narzisstischen Grund­problematik zu verändern.

Des Weiteren ist zu bedenken, dass in der Regel beide Partner in der Beziehung ein narzisstisches Problem haben, wenngleich der weibliche Narzissmus etwas anders Ausgeprägt ist.
Warum so häufig Narzisst zu Narzisstin findet, hat klare Gründe:
  1. Die Wertvorstellungen stimmen weitgehend überein. Die gleiche Sorge, was die Anderen über einen denken und eine gewisse konservative Grundhaltung verbinden das Paar.
  2. Beide haben ein mehr oder weniger gleich eingeschränktes Gefühlsspektrum. Sie fühlen sich in der Beziehung sicher vor Gefühlen mit denen sie nicht umgehen können.
  3. Die Vater- bzw. Mutter­übertragungen ergänzen sich. D.h. der Partner entspricht jeweils den unbewussten Erwartungs­haltungen. Das identische Gefühl beider, den Anderen "zu brauchen" hat zu dieser Beziehung geführt.
Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass jeder Therapiefortschritt für die Partnerin nicht einfach zu verarbeiten ist. Im Idealfall findet sie dadurch zu einer eigenen Bearbeitung ihrer Problematik.
Der große Anpassungswillen der Klienten, hinter denen sich die Widerstände gut verstecken können und die eigene narzisstische Problematik eines jeden Therapeuten, stellen weitere Tücken in der Therapie dar.


Die Psychodynamik:

Was passiert eigentlich bei solch einem Paar, wieso kommt es zu so einer Situation?

Basis der Beziehung ist (war) das "ich liebe dich, weil ich dich brauche" (im Gegensatz zu: "ich liebe dich, weil du so bist wie du bist").
Damit befinden sich beide wieder in ihrer Kindheitssituation, nämlich der Abhängigkeit von dem geliebten Objekt.
Die damit verbundene, ebenfalls der Kindheitssituation entsprechende Angst vor dem Verlust des Objektes, führt zu einem starken Harmoniebedürfnis. Darum wirken solche Beziehungen über lange Zeit besonders stabil und perfekt.
Die im Untergrund vorhandene Selbstverleugnung lässt aber ein wirkliches Glück nicht zu. So wird die Beziehung auf der einen Seite als unverzichtbar, auf der anderen Seite aber als Belastung empfunden.

In den Jahren der beruflichen Karriere, des materiellen und sozialen Zugewinns sowie der vollständigen Abhängigkeit der Kinder, werden die Selbst­verleugnung und das reduzierte Selbst­wertgefühl durch diese narzisstischen Befriedigungen kompensiert.
Mit den Jahren wird diese Befriedigungs­möglichkeit aber automatisch geringer und Rückschläge in der Karriere und bei der Erziehung der Kinder, beschleunigen den Prozess. Bis dann die narzisstischen Wunden "blank liegen", weil sie nicht mehr ausreichend kompensiert werden können.

Der Mann und die Frau sind also beide in der gleichen Situation, reagieren aber darauf in den meisten Fällen sehr unterschiedlich.

Die Frau wird versuchen sich neue soziale und/oder berufliche Erfolge zu verschaffen, die das Manko abdecken können. Dazu steht ihr ein umfangreiches soziales Netzwerk und vor allem das Verständnis der Umwelt, zur Verfügung. Denn nach Außen erscheinen diese neuen Kompensationsversuche als ein normales, emanzipatorisches Bestreben. Schließlich sei es ja nur richtig, sich aus einer Unterdrückung zu befreien. So erfährt sie auf ihrem Weg viel Unterstützung und Ermutigung.

Die Reaktion des Mannes ist zwangsläufig anders. Drei Möglichkeiten hat er im Prinzip um mit der Situation fertig zu werden.
  1. Die Kompensation nur noch auf beruflichem Wege zu suchen und damit Frau und Familie hinter sich zu lassen.
  2. Möglichst schnell eine Ersatzpartnerin zu finden oder
  3. mit aller Macht zu versuchen die aktuelle Situation zu retten, d.h. den Status Quo aufrechtzuerhalten.
Da er auf kein unterstützendes Netzwerk zurückgreifen kann und die ersten beiden Möglichkeiten ohnehin gesellschaftlich geächtet sind, wird er in der Regel (zumindest anfangs) Möglichkeit 3. aus­wählen.
Er wird seinen Symbioseanspruch verstärken und das Gefühl entwickeln, es ginge für ihn um Leben und Tod. Durch Kontrollen und Repressalien wird er sie evtl. zwingen wollen, "wie bisher" weiterzumachen. So schaukelt sich die Situation immer weiter hoch und eine Klärung ist nicht möglich, weil beiden der narzisstische Hintergrund ihrer Gefühle nicht bewusst ist.

Ich hoffe zwei Dinge damit deutlich gemacht zu haben: Dass es in solchen Situationen keine Schuldfrage zu klären gibt und dass beide, ohne eine Änderung ihrer narzisstischen Problematik, weder die aktuelle Beziehung retten können, noch in einer Zukünftigen davon verschont bleiben.


Die Therapie:

Vier Schritte, die mehr oder weniger parallel ablaufen können, sollten zu einer Therapie gehören:
  1. Finden der Ursachen für die narzisstische Verwundung.
  2. Mildern des mächtigen Über-Ich in eine freundlichere Instanz.
  3. Bewusstmachung und Integration verdrängter Gefühle.
  4. Bearbeitung der existenziellen Fragen, um auf den Weg zu einem eigenen Ich zu kommen.
Die Ursache für die narzisstische Verwundung ist dem Klienten oft schon in groben Zügen bewusst, auf jeden Fall wird sie in den ersten Sitzungen deutlich.
In katathym-imaginativen Übungen (Tagtraumtechnik oder ähnlichen Methoden), können Erinnerungen konkretisiert werden, Verdrängtes kommt wieder ins Bewusstsein und kindliche Gefühle werden wieder erlebt.

Zentral steht immer die Arbeit am Über-Ich und damit an den Vater- bzw. Mutterbildern. Die gefühlsmäßige und bewusste Reduzierung der hier verwurzelten, über­großen Ansprüche an sich selbst, der Selbstbestrafungstendenzen und der Angst vor Versagen, öffnet den Weg zu Selbstanerkennung und Selbstachtung.
Dies ist auch Voraussetzung zum Annehmen, Integrieren der bisher unterdrückten Gefühle, denn diese sind dann "erlaubt".


Die Krise:

Fast in jeder Therapie gibt es den kritischen Punkt, an dem ein Therapieabbruch droht. Hier ist es das "sich lösen vom falschen Ich".
Sosehr jeder Mensch auch den Wunsch nach Selbstfindung hat, dieses Ich war, bei aller Fremdbestimmtheit, das vertraute Ich des Klienten, damit hat er lange Jahre bzw. Jahrzehnte gelebt.

Mit der Distanzierung von diesem anerzogenen, aufgezwungenen Ich, kommt mit aller Macht die Frage "wer bin ich?", "gibt es mein Ich überhaupt?".
Diese Situation kann zutiefst verunsichern und ein Gefühl großer Leere schaffen. Ein Zurück zum alten Ich erscheint plötzlich als Schutz vor dem "Unvorstellbaren", evtl. beängstigenden Neuen. Um dem vorzubeugen, sollte der Klient schon früh über alternative Lebensideale und über das, was wirklich gut für ihn ist nachdenken. Träume und Wünsche aus der Kinder- und Jugendzeit können hier einfließen. Diese Übung kann dem Klienten auch helfen den Unterschied zwischen narzisstischen Idealen und dem eigenen Wollen verstehen zu lernen.

In der Zeit einer solchen Therapie wird natürlich kein neuer Mensch geboren, aber der aktuelle Konflikt kann handhabbarer werden und ein intensiver Entwicklungsprozess in Gang kommen.
Um diesen Weg zu ebnen, gehört zu der Therapie auch die Bearbeitung der grundsätzlichen existenziellen Fragen.
Geborgenheit, Freiheit, Lebenssinn und Spiritualität sind neue Pfeiler, auf denen wir unser Leben aufbauen können. Dazu muss ihre individuelle Bedeutung und die Möglichkeiten zu ihrer Integration in das Leben geklärt werden.


Michael Hoffmann, Heilpraktiker für Psychotherapie

 
 
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