Psychosomatisch? Ich bin doch nicht verrückt!
Warum man nicht "verrückt" ist, wenn die Psyche auf den Körper wirkt

 
Wie funktioniert eigentlich Psychosomatik?
Um eine Vorstellung davon zu geben, muss ich etwas weiter ausholen.

Alle Körperfunktionen, die nicht von unserem Willen beeinflusst sind, werden durch das autonome Nervensystem gesteuert. Es wird auch das vegetative (das "pflanzliche") Nervensystem genannt.
Es besteht aus zwei Teilen, die (vereinfacht ausgedrückt) für Aktivierung/Anspannung und Deaktivierung/Entspannung zuständig sind. Die Zusammenarbeit dieser zwei Teile steuert unsere Organfunktionen.
Herz und Magen z.B. arbeiten durch ein rhythmisches An- und Entspannen bestimmter Muskel­gruppen. Aktivierung und Deaktivierung steuert unser Drüsen­system, wie z.B. Speichel- und Schweißdrüsen. An- und Entspannung weitet bzw. verengt auch unsere Blutgefäße und ist somit für den Blutdruck, Durchblutung von Hirn, Muskeln und Haut, Wärme- bzw. Kältegefühl zuständig.


Ihr Notfall-Rettungssystem

Dieses komplexe System passt unsere Körperfunktionen ständig den aktuellen Anforderungen an. Es ist auch unser "Notfall-Rettungssystem", d.h. es reagiert schnell und effektiv, wenn wir in "Kampf"- bzw. "Flucht"- Situationen kommen.

Nehmen wir eine Bedrohung wahr, bzw. haben wir Angst, so werden die Gefäße verengt, die Durchblutung der Haut wird reduziert (damit Verletzungen weniger bluten), der Blutdruck steigt, wichtige Organe und die Muskeln werden stärker durchblutet, die Pupillen erweitern sich, der Mund wird trocken, Drüsen wie Schilddrüse und Bauchspeicheldrüse (Adrenalin) werden aktiviert, usw. All unsere Sinne sind geschärft, dem Körper stehen zusätzliche Energien für Kampf und Flucht zur Verfügung.

Ist die Bedrohung vorüber, wird diese Aktivierung zurückgenommen und quasi umgekehrt, damit wir uns erholen, entspannen und so neue Kraft tanken können.
Die Evolution hat uns dieses perfekte System zum Überleben in der Wildnis gegeben.


Die "Wildnis" ist immer ums uns

Was machen wir heute damit? Kampf und Flucht gehört doch für den "zivilisierten" Menschen nicht mehr zum täglichen Leben. Oder doch?
Auch wir sprechen noch von "Überlebenskampf", und "Gegner" haben wir evtl. auch reichlich. Der Chef, die Kollegen, der Partner, die Eltern, die Kinder, die "herrschende Moral", die Ansprüche die wir an uns selbst stellen, die Ansprüche der anderen. Gesellschaftliche Gegebenheiten, Lärm, Hektik usw. können "Gegner" sein, gegen die wir uns behaupten müssen oder vor denen wir fliehen möchten.
Ängste (ohne realistische Fluchtmöglichkeit) sind für viele Menschen ständig präsent.
Die Angst vor Umweltzerstörung, Krieg, sozialem Abstieg, die Angst die eigenen Erwartungen nicht zu erfüllen (oder die von anderen).
Angst vor Verlust von Zuneigung, vor Krankheiten, Alter, Tod. Angst vor der Zukunft allgemein usw.


Unter Löwen und Geiern

Der Körper unterscheidet nicht, ob der Gegner ein Löwe oder der Chef ist oder ob wir Angst vor einem Bären oder den Ansprüchen anderer haben. Die Reaktion ist die gleiche.
Und diese Reaktion wäre auch in Ordnung und nicht ungesund, wenn, ja wenn nach der Anspannung wieder die natürliche Phase der Entspannung käme.

Der Chef verschwindet aber nicht in der Steppe und vor den Ansprüchen können wir nicht so einfach davonlaufen. Also bekommt der Körper nicht das Signal zur Entwarnung.
Wir bleiben ständig in einem Zustand, der für den Körper eigentlich ein Ausnahmezustand sein sollte.
Und das kann dann zur Ausbildung von körperlichen Reaktionen auf diese Überlastung führen. Ob es dazu kommt, hängt von der individuellen Stärke des Konflikts bzw. der Belastung ab. Auch wie sensibel wir sind und ob wir noch kleine "Fluchtmöglichkeiten" (z.B. Hobbys) haben.


Krank durch Stress

In der folgenden Tabelle sehen wir die vom vegetativen Nervensystem gesteuerten Organe und Beispiele von Erkrankungen, die von einer Überlastung verursacht sein können:

ORGAN BEISPIEL
Drüsensystem Schilddrüsenüberfunktion
Gefäßsystem Migräne / Bluthochdruck
Herz / Herzkranzgefäße Herzrasen
Bronchien Asthma
Magen Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre*)
Dünndarm Entzündliche Darmerkrankungen
Dickdarm Reizdarm
Blase Reizblase
Sexualorgane Ausbleiben der Menstruation

*) Das Magengeschwür wird oftmals als nicht psychosomatisch angesehen, da auch Bakterien (Heliobacter pylori) als Ursache angenommen werden und deren Bekämpfung wirksam ist. Allerdings tragen bis zu 80% der Bevölkerung diese Bakterien in sich und nur ein Bruchteil erkrankt, bei 10% der Magengeschwüre finden sich die Bakterien nicht.

Zu den "klassischen" psychosomatischen Krankheiten gehören z.B. auch Neurodermitis und rheumatische Arthritis, aber je nach medizinischem Standpunkt geht die Meinung darüber, welche Krankheiten einen psycho­somatischen Hintergrund haben, weit auseinander.
Es gibt auch die Ansicht, dass fast jede Krankheit eine psychosomatische Komponente hat, da die Psyche und das Immunsystem sich immer stark beeinflussen.


Was können wir nun gegen psychosomatische Krankheiten tun?

Der Vorsatz allein, "sich nicht mehr so aufzuregen..." oder "alles nicht mehr so an sich herankommen zu lassen ..." hilft selten.

Wenn die Ursachen eher äußerer Stress oder Belastung sind, kann das Erlernen einer Entspannungstechnik (autogenes Training) schon hilfreich sein.
Sind die Ursachen mehr in der Persönlichkeit verwurzelt, Ängste und tiefe Konflikte, kann eine Psychotherapie helfen. Hier werden dann die Ursachen für unsere Situation behandelt bzw. individuelle Strategien zur Bewältigung erarbeitet.

In jedem Fall muss zuerst eine medizinische Untersuchung erfolgen, um sicher zu sein, dass nicht doch eine rein organische Ursache vorhanden ist.

 
 


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