Wie funktioniert Psychotherapie?
Oder: Wenn eine Therapie nicht erfolgreich war.

 
Immer wieder begegnen uns Menschen mit Problemen, die sie quälen, die aber nicht an die Möglichkeit einer Änderung glauben.
Oft haben sie falsche Vorstellungen von Psychotherapie, oder eine erfolglose, abgebrochene Therapie hat ihnen jede Hoffnung genommen.
Besonders für diese Menschen habe ich die folgenden Zeilen geschrieben. Aber auch jeder, der eine Psychotherapie erwägt oder sich in einer befindet, an deren Sinn er zweifelt, sollte sich die Zeit für diese Lektüre nehmen.

Falsche Vorstellungen

Die Vorstellung von jemandem, der noch nie etwas mit Psychotherapie zu tun hatte, ist oft ungefähr so:

"Da sagt mir jetzt jemand, was ich falsch mache und wie ich es machen muss, dass es mir gut geht. Wenn mir dieser Rat vernünftig und durchführbar vorkommt, werde ich mich daran halten und die Therapie wird evtl. erfolgreich sein. Sonst eben nicht."

So funktioniert es aber nicht. Gute Ratschläge haben Sie sicher schon viele bekommen. Selbst wenn noch so viel "gesunder Menschenverstand" dahinter steckte, geholfen hat es wahrscheinlich nicht.
Würden die Ursachen unserer Probleme so offensichtlich an der Oberfläche liegen, könnten wir uns leicht selbst helfen.
So deutlich und leidvoll wir unsere Probleme auch spüren, ihre Ursachen liegen tief in uns versteckt.

Wie sich unser Leben anfühlt ist die Folge all unserer Erfahrungen, unserer Verletzungen und Erfolge und den daraus entstandenen Erwartungen und Vorstellungen von uns und den anderen.


Egal was wir empfinden, wir haben einen gewichtigen Grund dafür!

Auch wenn uns dieser Grund nicht bewusst ist.
Ein Problem lösen, sich ändern, sich selbst akzeptieren können, setzt voraus, diesem Grund näher zu kommen.
Darum helfen keine "guten Ratschläge", keine Lebenshilfebücher, kein Handauflegen und keine "guten Vorsätze" sich ab morgen eben anders zu verhalten.

Ein wenig ist es so mit unseren Problemen:
Es ist, als wenn wir in einer dunklen Kiste sitzen würden und sie von Innen nicht aufbekommen, weil wir nicht wissen wo das Schloss ist. Wir brauchen jemanden, der außen steht, denn nur der kann das Schloss sehen. Ein Therapeut steht außerhalb "Ihrer Kiste", weiß aber wie man in so einen Kiste hineingekommen ist, wie man sich darin fühlt und wie man an das Schloss kommt.

Gute Psychotherapie führt auch immer auf einen Weg zu sich selbst. Sie ist immer ein Lernen darüber, wer man eigentlich ist, warum man genau das fühlt, was man fühlt. Das ist ein individueller Prozess für jeden Menschen.
Psychotherapie ist eine Methode, diesen Weg zu definieren, sozusagen ein GPS-System, das uns anleiten kann. Um uns erst einmal eine Richtung zu geben und Steine aus dem Weg zu räumen. Zu ihr gehört ein Raum, in dem Sie sich absolut sicher fühlen können. Sicher vor Missachtung, Intoleranz, Vorurteilen, Überheblichkeit und Zwängen.
Ein Raum, in dem Sie ganz Sie selbst sein dürfen, wo Ihnen jedes Werden offen steht.*

*(Je nach Persönlichkeit und Ausbildungsrichtung können Therapeuten und Berater auch sehr andere Ansichten von Psychotherapie haben. Die hier beschriebene gehört zu der sog. humanistischen Denkrichtung, die auch Grundlage meiner Arbeit ist.)


Was für ein Mensch ist eigentlich so ein Psychotherapeut?

Fangen wir wieder mit gängigen falschen Vorstellungen an.
"Ein Psychotherapeut sollte durch seine Ausbildung alle Probleme der Menschen kennen und für sie eine Lösung gelernt haben. Dadurch sollte er selbst nie Probleme haben. All sein Wissen hat ihn so weit abgeklärt, dass er keine Eigenheiten mehr hat. Er steht sozusagen über den Widrigkeiten des Menschseins."
Oder:
"Er ist nur Psychotherapeut geworden, weil er selber verrückt ist und eine Lösung seiner Probleme sucht. Wegen seiner Verrücktheit findet er diese Lösung natürlich nicht, spielt sich aber als Besserwisser auf."

Nein, so ist es sicher nicht. Therapeuten sind ganz normale Menschen. Sie haben auch ihre Sorgen, Nöte und Ängste, ihre guten und ihre schlechten Tage. Und wenn sie nicht mit sich klar kommen, gehen sie zu einem Kollegen(in) und lassen sich helfen. Sie kennen zwar die Fallstricke unserer Psyche, sind deswegen aber nicht gegen sie gefeit.

Ihre Ausbildung besteht nicht darin, zu allen möglichen Problemen eine Lösung zu haben, sondern eine Methode anwenden zu können, die dem Klienten helfen kann und ihn mehr zu sich selbst finden lässt. Dabei muss er stets den richtigen individuellen Weg des Klienten finden.

Um dem Klienten wirklich vorurteilsfrei gegenübertreten zu können, ist es gut, wenn der Therapeut seine eigenen Tendenzen zu Vorurteilen kennt (wer wäre ganz frei davon) und er sollte diese in der Therapie hinten anstellen können. Er sollte seine Gefühle so gut kennen, dass sie seinen Eindruck vom Klienten nicht verfälschen.

Er ist aber auch, wie jeder, ein Individuum. Und durch die Beschäftigung mit einem Thema, das so schwer zu fassen ist, so grenzenlos ist wie die menschliche Seele, scheint er oft noch ein wenig "individueller".
Aber möchten Sie in so einer persönlichen Beziehung, wie es eine Therapie ist, ein quasi "seelenloses" Gegenüber haben, aalglatt und ohne Profil?
Er oder sie ist in der Regel Therapeut geworden aus Interesse am Menschen, am Menschsein und aus der Freude am Helfen.
So kann der Therapeut Ihr freundschaftlicher Begleiter sein, in dem Prozess zur Lösung Ihres Problems. Kein perfekter, weiser Ratgeber, aber jemand, der gelernt hat, diesen Weg ohne allzu viele Umwege zu gestalten und Hindernisse aus dem Weg zu räumen.


Wenn eine Therapie misslingt

Nicht immer führt eine Psychotherapie zu dem gewünschten Ergebnis. So wie das erste Medikament, das ein Arzt verschreibt, nicht immer sofort die Krankheit beseitigt.
Der erfolglose Abbruch einer Psychotherapie ist aber besonders schmerzlich. Er vermittelt leicht das Gefühl, dass es doch keine Hilfe gibt, und führt oft in tiefe Resignation.

Eigentlich kann jedem Menschen geholfen werden, aber auch in der Psychotherapie muss nicht die erste Medizin schon die wirksame sein.
Manchmal sind wir zu ungeduldig und hoffen der Therapeut habe so etwas wie eine Zauberformel, die ohne eigene Mitarbeit und Anstrengungen sofortige Hilfe bringt. Das funktioniert natürlich nicht. Aber es gibt mehr mögliche Gründe für eine nicht erfolgreiche Therapie. Zum Beispiel:
  1. Der Therapeut hat nicht zu uns gepasst.
  2. Die angewendete Therapieform passte nicht zu uns bzw. zu unserem Problem.
  3. Unser psychisches Leiden hat eine körperliche Ursache, die noch von keinem Arzt entdeckt wurde.
Im Folgenden schauen wir uns diese einzelnen Punkte an.



Wenn der Therapeut nicht zu uns passt

Für eine erfolgreiche Therapie gehen Therapeut und Klient eine so genannte "therapeutische Beziehung" ein, einen Kontakt, in dem sich Vertrauen, Offenheit und Einfühlung entwickeln sollen. Zu einer Beziehung gehören aber immer Menschen, die auf irgendeine Weise zueinander passen (und sei es durch den Gegensatz).

Das "Erstgespräch" soll dem Therapeuten die Möglichkeit geben einzuschätzen, ob er zu dem Klienten so eine Beziehung aufbauen könnte. Reichen sein Verständnis und seine Toleranz? Gibt es nicht in ihm Vorurteile, Unverarbeitetes aus dem eigenen Leben, Erfahrungen und Gefühle, die ihm diese Beziehung erschweren könnten?

Wenn er diese Beziehung eingeht, wird er sich evtl. einige Monate mit dem Klienten beschäftigen, weit über die Zeit der regelmäßigen Stunde hinaus. Er wird sich um ihn Sorgen machen. Der Klient wird damit auch Teil seines persönlichen Lebens.
Manchmal kommt der Therapeut zu der Auffassung, dass es nicht geht, dass seine eigene Persönlichkeit im Wege steht oder dass ein Therapeut mit anderen persönlichen Eigenschaften oder des anderen Geschlechts hilfreicher sein würde. Dann wird er den Klienten nicht annehmen.
Das kann leicht zu einem Missverständnis führen. Als Klient fühlen wir uns abgelehnt, evtl. nicht ernst genommen.
Damit wir nicht gekränkt, nicht verunsichert werden, trauen sich manche Therapeuten nicht diese Ablehnung direkt auszusprechen. Dann schieben sie z.B. einen für lange Zeit ausgefüllten Terminkalender vor und empfehlen einen oder zwei Kollegen/Kolleginnen als Alternative.
Als Klient verstehen wir dann diese Ablehnung natürlich nicht. Wir sitzen da, wütend und enttäuscht, und fragten uns, warum wir nun evtl. Wochen auf diesen Termin gehofft hatten und all die Überwindung aufgebracht haben, die es nun mal braucht, um so einem fremden Menschen sein Herz auszuschütten.

Aber stellen wir uns vor, der Therapeut würde uns gegen seine Überzeugung annehmen oder sich einfach irren. Die Therapie würde sich dann mühsam dahinschleppen, nichts passiert, bis wir uns fragen, warum wir da hingehen, und irgendwann brechen wir dann die Therapie ohne Erfolg ab.

Aber auch wir sollen uns ein Bild von dem Menschen Therapeut/in machen und uns gut überlegen, ob er/sie zu uns passt.
Wir sollten intensiv darüber nachdenken, und wenn wir das Gefühl haben, der Therapeut passe nicht zu uns, ihn darauf konkret ansprechen.
Je früher, desto besser und auf keinen Fall einfach wegbleiben, sondern ihm sagen, dass wir nicht das nötige Vertrauen zu ihm aufbringen.
Das kann das Ende der Zusammenarbeit sein (und wir können uns selbstbewusst einen anderen Therapeuten suchen) oder (und das ist oft so) es beginnt jetzt der fruchtbare Teil der Therapie.
In jeder Beziehung ist ein klärendes Wort hilfreich, auch in der therapeutischen.

Für jeden Menschen mit Problemen gibt es den richtigen Therapeuten oder Therapeutin. In der Regel müssen wir nicht lange suchen, aber manchmal dauert es länger, bis wir ihn/sie finden.
Einen guten Freund findet man auch nicht gleich an jeder Straßenecke.


Wenn die angewendete Therapieform nicht zu uns bzw. zu unserem Problem passt

In den letzten 100 Jahren haben sich viele verschiedene Therapiemethoden entwickelt und jede davon hat ihre Existenzberechtigung, mit jeder davon wird täglich vielen Menschen geholfen.
Ihre Unterschiede sind für den Laien oft kaum erkennbar und aus der Sicht des Klienten ist nur wichtig, dass es ihm hilft.

Es gibt allerdings keine "all-round Therapie", die bei jedem Problem und bei jedem Menschen zu bevorzugen ist. Jede Methode hat in bestimmten Fällen ihre Stärke und in anderen hilft sie weniger oder nicht.
Im Erstgespräch versucht der Therapeut auch festzustellen, welche Methode uns am besten helfen kann. Kommt er zu dem Schluss, dass seine Methode nicht die passende ist, wird er eine Therapie ablehnen und an eine(n) Kollegen(in) verweisen. Ein Therapeut, der wahllos jeden Klienten annehmen würde, wäre unseriös.

Jetzt kommt allerdings ein großes ABER! Kein Therapeut kann im Erstgespräch darüber absolut sicher sein. So einfach sind unsere Probleme selten gestrickt. Manchmal wird erst nach einiger Zeit deutlich, dass eine andere Therapieform Erfolg versprechender wäre.
Erkennt der Therapeut dies nicht oder kann er uns nicht schonend und fließend zum Wechsel der Therapie bewegen, so endet manchmal die Therapie auf schmerzliche Weise, ohne dass uns geholfen wurde.

Sollten wir also feststellen, dass unsere Therapie über einen langen Zeitraum keine Veränderung bringt, ist es wichtig den Therapeuten offen darauf anzusprechen, ob nicht eine andere Methode hilfreicher sein könnte, und uns gegebenenfalls bei einem Wechsel helfen zu lassen.


Wenn das psychische Leiden eine körperliche Ursache hat, die noch von keinem Arzt entdeckt wurde

Nicht mehr mit dem Leben oder der Umwelt klarkommen, Depressionen, Reizbarkeit, Persönlichkeitsveränderungen und vieles mehr kann seine Ursachen auch in organischen Vorgängen haben.

Erkrankte Organe, Flüssigkeits- oder Mineralstoffmangel, stören den Stoffwechsel der großen Einfluss auf unser psychisches Empfinden hat. Solche Störungen können auch von manchen Medikamenten ausgehen.
Darum sollten wir immer (wenn wir es noch nicht getan haben) einen Internisten aufsuchen und unter Hinweis auf unsere Probleme um eine gründliche Untersuchung bitten.
Dabei können wir auch klären lassen, ob eines unserer Medikamente (auch der nicht verschreibungspflichtigen) als Ursache in Frage kommt.

 
 


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